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Vier Tage arbeiten, fünf bezahlt bekommen

Insa Wrede
31. Januar 2024

Weniger Arbeiten, gleiches Geld, mehr Glück und mehr Produktivität. Was sich anhört wie ein Märchen, wollen 45 Unternehmen ab Februar testen: Die Vier-Tage-Woche. Wie erfolgversprechend ist das Projekt?

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Leerstehendes Büro
Einen Tag pro Woche frei - ist das die Zukunft?Bild: Ute Grabowsky/imago images/photothek

Im Februar geht es los. Dann werden 45 Unternehmen und Organisationen in Deutschland für ein halbes Jahr eine Vier-Tage-Woche einführen. Dabei bekommen die Mitarbeitenden das volle Gehalt, obwohl sie deutlich weniger Zeit im Büro (oder im Homeoffice) verbringen. Initiiert wird das Ganze von der Unternehmensberatung Intraprenör, die mit der gemeinnützigen Organisation 4 Day Week Global (4DWG) zusammenarbeitet.

Aber wie soll das gehen - vor allem, wo so viele Unternehmen in Deutschland unter einem Fachkräftemangel ächzen? Wäre es da nicht besser, es würde mehr gearbeitet anstatt weniger?

Von den Befürwortern heißt es: Eine Vier-Tage-Woche würde gerade bei einem Fachkräftemangel helfen, auch weil sie die Produktivität der Mitarbeitenden erhöht. Die Argumentation: Wer nur vier statt fünf Tage arbeitet, ist motivierter und damit produktiver. Außerdem könnten so Menschen in Arbeit gebracht werden, die nicht bereit sind, fünf Tage zu arbeiten. Das würde den  Fachkräftemangel verkleinern.

Auch in der Praxis wurde die Vier-Tage-Woche bereits getestet. Seit 2019 führt die Organisation  4DWG solche Pilotprogramme beispielsweise in Großbritannien, Südafrika, Australien, Irland und den USA durch. Mehr als 500 Unternehmen hätten daran teilgenommen, so die Nichtregierungsorganisation (NGO). Ergebnisse scheinen die Hoffnungen in die positiven Effekte zu bestätigen.

Großbritannien scheint erfolgreich gewesen zu sein

Beispiel Großbritannien. Hier waren 2900 Beschäftigte in das Vier-Tage-Woche-Experiment eingebunden. Sie waren im Finanzsektor, der IT- und Baubranche, bei Onlinehändlern, Animationsstudios, im Marketing oder Imbissbuden eingestellt.

Laut Forschenden aus Cambridge und Boston verringerten sich ihre Krankheitstage um rund zwei Drittel und fast 40 Prozent gaben an, sich nach dem Experiment weniger gestresst zu fühlen als vorher. Zudem sank die Zahl der Angestellten, die kündigten, um 57 Prozent. Vor allem aber beobachteten die Forschenden damals eine durchschnittliche Umsatzsteigerung von rund 1,4 Prozent. Immerhin 56 der 61 teilnehmenden Unternehmen gaben an, die Viertagewoche auch nach dem Ende der Testphase beibehalten zu wollen.

Nicht alle wollen weniger arbeiten

Werden nun also die Deutschen ab Februar mit Neid auf die Mitarbeitenden schauen, die von dem Testprojekt profitieren? Nicht unbedingt, wie eine Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergeben hat. Demnach wünschen sich knapp drei Viertel der Beschäftigten in Vollzeit eine Vier-Tage-Woche bei gleichem Lohn. Acht Prozent finden eine Vier-Tage-Woche auch bei reduziertem Lohn gut. Aber 17 Prozent lehnen eine kürzere Arbeitszeit ab.

Pilotstudien zur Vier-Tage-Woche nicht aussagekräftig

Die Unternehmen, die nun an dem Testprojekt der Vier-Tage-Woche in Deutschland teilnehmen, haben sich vor ein paar Monaten dafür beworben. Und genau da fange schon das Problem an, meint Arbeitsmarktexperte Enzo Weber, der die Ergebnisse der bisherigen Pilotprojekte kritisch sieht. Er forscht an der Universität Regensburg und am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Bei solchen Projekten würden sich nur Firmen bewerben, für die eine Vier-Tage-Woche positiv ist. Sie spiegeln damit keinen repräsentativen Querschnitt der Wirtschaft. Außerdem würde nicht nur die Arbeitszeit verkürzt, sondern auch Prozesse und Organisation verändert. Gibt es dann eine Steigerung der Produktivität, müsse die nicht kausal mit der kürzeren Arbeitszeit zusammenhängen, so Weber.

Fragwürdig seien die positiven Ergebnisse auch, weil durch die Kürzung eines Arbeitstages höchstwahrscheinlich eine Arbeitsverdichtung stattfinden würde, glaubt Weber. Soziale, kommunikative und kreative Elemente blieben auf der Strecke. "Die Folgen spüren Unternehmen normalerweise nicht sofort, sondern eher mittelfristig". Die Studien seien aber nur auf sechs Monate angelegt.

Zweifel an der Produktivitätssteigerung

Eine deutschlandweit eingeführte Vier-Tage Woche hält auch Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) für kontraproduktiv. "Was in einzelwirtschaftlicher Betrachtung gegebenenfalls sinnvoll erscheinen mag - etwa, wenn mit der Vier-Tage-Woche knappe Arbeitskräfte von Mitbewerbern abgeworben werden können - löst sich in gesamtwirtschaftlicher Betrachtung auf: Wenn alle Unternehmen die Arbeitszeit reduzieren, bleibt am Ende ein Arbeitszeitdefizit", so Schäfer.

Zudem fehle jeglicher Hinweis darauf, dass durch die Arbeitszeitverkürzung die Produktivität wesentlich gesteigert werden könnte. "Die Verkürzung der Arbeitswoche von fünf auf vier Tage entspricht einer Reduzierung der Arbeitszeit um 20 Prozent. Um den resultierenden Produktionsrückgang zu kompensieren, müsste die Stundenproduktivität um 25 Prozent gesteigert werden." Das hält Schäfer für utopisch.

Auf einer Demonstrationen zum 1. Mai in Erfurt hält eine Frau ein Plakat mit der Aufschrift: "Es ist Zeit - 4 Tage Woche"
Bei Demonstrationen zum 1. Mai finden sich immer wieder Forderungen nach einer 4-Tage-WocheBild: Michael Reichel/dpa/picture alliance

Individuelle X-Tage-Woche

Dass eine Vier-Tage Woche in einzelnen Betrieben durchaus sinnvoll sein kann, zeigt sich im Handwerk. Dort würden Arbeitgeber so ihre Attraktivität und damit ihre Chancen im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte erhöhen, heißt es von Jörg Dittrich, dem Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Allerdings würde eine Vier-Tage-Woche nicht in jedem Handwerksbetrieb gleich gut funktionieren. Dittrichs Fazit: Ein allgemein formulierter Rechtsanspruch auf eine Vier-Tage-Woche würde niemandem helfen und für die Betriebe nur zusätzliche Bürokratie bedeuten.

Gegen einen gesetzlichen Anspruch und für individuelle Lösungen, plädiert auch Enzo Weber. Er nennt das X-Tage-Woche. Rückenwind bekommt er damit aus dem Mittelstand. Dort befürworte man ebenfalls individuelle Lösungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, so Christoph Ahlhaus, Bundesgeschäftsführer beim Bundesverband Mittelständische Wirtschaft. Staatliche Einmischung, die weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich vorsieht, lehne der Mittelstand dagegen ab.

Allen kritischen Argumenten zum Trotz plädiert beispielsweise die Gewerkschaft IG Metall schon seit längerem für kürzere Arbeitszeiten. Dabei wird in der Stahlindustrie schon heute nur 35 Stunden pro Woche gearbeitet. 

Insa Wrede Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion