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PolitikNeuseeland

Ende einer Utopie: Neuseeland kippt drastisches Tabakverbot

Stephanie Höppner
27. November 2023

Eigentlich wollte Neuseeland bis 2025 quasi rauchfrei sein. Doch die neue Mitte-rechts-Regierung stoppt das ambitionierte Vorhaben. Experten kritisieren vor allem die Folgen für die Maori.

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Ein Mann zündet sich eine Zigarette an
Neuseeland hat sich von seinen drastischen Rauchstopp-Maßnahmen verabschiedet Bild: Jonathan Brady/PA Wire/picture alliance

Neuseeland hatte schon in der Corona-Krise mit seinem Null-Toleranz-Ansatz Radikalität in Gesundheitsfragen bewiesen. Im vergangenen Jahr folgte der nächste Coup -  der Pazifikstaat wollte nach dem Willen der damaligen Premierministerin Jacinda Ardern quasi rauchfrei werden.

Wer nach 2008 geboren wurde, sollte keine Zigaretten mehr kaufen können. Die Zahl der lizenzierten Tabakverkaufsstellen sollte von 6000 auf 600 reduziert werden und der Nikotingehalt in Zigaretten unter einen Grenzwert rutschen, der allgemeinhin als süchtig machend gilt. Verstöße sollten mit hohen Geldstrafen geahndet werden. 

Neuseelands Premierminister Christopher Luxon
Neuseeland neuer Premier, Christopher Luxon, will mit dem Maßnahmen-Stopp Schwarzhandel unterbinden Bild: Mark Coote/AAP/dpa/picture alliance

Doch mit der Vereidigung des neuen Premierministers Christopher Luxon am Montag ist dieses Vorhaben vorerst vom Tisch. Die neue Regierung will die Gesetze wieder abschaffen, bevor sie überhaupt alle in Kraft getreten sind. Sie begründet den ungewöhnlichen Schritt mit der Angst vor einem florierenden Schwarzmarkt. Luxon räumte aber auch ein, dass die Steuer-Einnahmen aus dem Zigarettenverkauf durchaus willkommen seien.

Eine "Motivation für die Maßnahme" sei dies jedoch nicht, erklärte er. Laut der neuen Finanzministerin Nicola Willis werden die Mehreinnahmen für Steuererleichterungen genutzt, wie der britische "Guardian" berichtet. Die National Party von Luxon hatte am vergangenen Freitag die Bildung einer Drei-Parteien-Koalition mit der rechtsliberalen Partei ACT und der populistischen Partei New Zealand First bekanntgegeben. Laut Willis hätten ACT und New Zealand First auf eine Abschwächung der Antirauch-Maßnahmen bestanden.

Maori besonders betroffen

Vor allem für die Maori, Neuseelands indigene Bevölkerung, könnte dies weitreichende Auswirkungen haben. Denn im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen ist der Anteil der Raucher bei ihnen besonders hoch. Studien zufolge rauchen in Neuseeland im Schnitt etwa 8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung täglich. Bei den Maori sind es dagegen rund 20 Prozent. Lungenkrebs ist bei den Maori-Frauen eine der häufigsten Todesursachen. 

Ein rauchender Mann in Neuseeland
In der Gruppe der Maori ist der Anteil der Raucher deutlich höher (Symbolbild von 2021) Bild: David Rowland/AP Photo/picture alliance

Die Gründe, warum Maori deutlich häufiger zur Zigarette greifen, sind vielfältig. Laut New Zealand Medical Journal gelten Maori im Vergleich zu anderen Neuseeländern immer noch  als deutlich benachteiligt: Das Einkommen ist niedriger, die Bildungsabschlüsse schlechter - allgemeine Risikofaktoren für einen gesundheitsschädlicheren Lebensstil. Zudem war Tabak in den 1800er Jahren ein gängiges Handelsgut zwischen Maori und Nicht-Maori, was zu einem weit verbreiteten Konsum der indigenen Gruppe beitrug. 

"Auf Kosten des Lebens" 

Entsprechend schockiert zeigen sich Gesundheitsexperten. "Dies ist ein großer Verlust für die öffentliche Gesundheit und ein großer Gewinn für die Tabakindustrie, deren Profite auf Kosten des Lebens von Kiwis gesteigert werden", erklärte die regierungsunabhängige NGO Health Coalition Aotearoa - der Maori-Name für Neuseeland. Die führende Maori-Gesundheitsorganisation, Hapai te Hauora, sprach von einem "skrupellosen Schlag gegen die Gesundheit und das Wohlergehen aller Neuseeländer" und rief auf X, ehemals Twitter, zu einer Petition auf. 

Auch das vorgebrachte Zigarettensteuer-Argument ließen Kritiker nicht gelten. Lisa Te Morenga, Vorsitzende von Health Coalition Aotearoa, verwies im "Guardian" auf jüngste Modellrechnungen, die zeigten, dass die Vorschriften bei vollständiger Umsetzung in den nächsten 20 Jahren Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar für das Gesundheitssystem einsparen würden. Die Sterblichkeitsrate würde sich bei Frauen um 22 Prozent und bei Männern um 9 Prozent senken.

Großbritannien als neues Vorbild? 

Luxon versicherte unterdessen, seine Regierung werde weiterhin versuchen, die Raucherquote durch Aufklärung und andere Maßnahmen zu senken. In Neuseeland dürften schon seit Jahrzehnten nur Erwachsene ab 18 Jahren legal Zigaretten kaufen, der Konsum ist in den allermeisten Bars und Restaurants verboten. Die Steuern auf Zigaretten sind seit 2010 um 165 Prozent gestiegen, der Preis für eine Schachtel Zigaretten liegt derzeit bei über 20 Euro. 

Neuseelands Vorreiterrolle gehört damit der Vergangenheit an. Doch auch in anderen Ländern gibt es in jüngster Zeit Bestrebungen, das Rauchen drastisch einzuschränken. Großbritannien kündigte kürzlich eine Reihe sehr ähnlicher Maßnahmen an, inklusive eines Zigarettenkauf-Verbots für Menschen ab Jahrgang 2009. Auch Malaysia wollte dem ursprünglichen Vorbild Neuseelands folgen.